Der Künstler im Fichtenwald

 

Noemi Hermann (Text/Foto)

 

Der aus Lettland stammende Jungkünstler und Austauschstudent Kristaps Priede verbrachte sein Wintersemester 2018 an der HSLU D&K im Master Art in Public Spheres. Während des Semesters beschäftigte er sich intensiv mit der Schweizer Berglandschaft. Dafür reiste er mit dem Zug und seiner Kamera durch die Schweiz, um die perfekte Stimmung mit seiner Kamera festzuhalten.

 

Wie zeigt sich die perfekte Stimmung in deinen Bildern?

Ich suche nach Ruhe und Frieden für meine Seele. Ich interessiere mich für Meditation in der Natur. Es kann ein früher nebliger Morgen sein, ein Moment, an dem der Tag mit der Nacht unterbrochen wird, ein Schneefall oder auch eine Mondlandschaft im Winter.

 

Als Lettländer ist der Künstler mit der klirrenden Kälte und den Farben des Winters vertraut. Die eisige Kälte, die in den Wintermonaten in Riga herrscht, lässt regelmässig das Meer gefrieren. Bereits als Kind verband ihn zur Natur eine grosse Leidenschaft, er wuchs im „Farmer House„ seiner Eltern auf. Täglich sah er die schöne Landschaft und machte sich seine Gedanken dazu.

 

„Die Natur ist meine Inspiration. Meine ganze Kindheit habe ich auf den Feldern Lettlands verbracht - rund um Wälder, Flüsse, Teiche, Seen und Bergschluchten. Als ich im Alter von 16 Jahren in der Hauptstadt Riga zu studieren begann, fühlte ich Unbehagen, Stress und Angst. Ich verspürte eine Sehnsucht nach Frieden und der Natur.“ -Kristaps Priede-

 

Du bist die Einsamkeit und das Leben auf dem Land gewohnt, hast du dieses Leben vermisst ?

Es gibt keine völlige Stille in der Stadt, keine tiefe Dunkelheit und keine Sterne sind zu sehen.

Ich vermisse besonders die Winternächte bei meinen Eltern auf dem Land, wenn der Thermometer auf minus fünfundzwanzig Grad herunterrutscht. Wenn du rausgehst oder das Fenster öffnest, hörst du eine magische Stille.

 

In der Schweiz hat Kristaps viele Stunden in der Natur verbracht. Auf der Suche nach dieser „magischen Stille“ hat er die Schneeflocken bei ihrem Tanz beobachtet und wie sie sich auf     den Bäumen niederlassen. Die schneebedeckten Fichtenwälder, durch die er in der Schweiz oft spaziert ist, haben es ihm besonders angetan. Seine neusten Werke zeigen daher mehrere nebeneinanderstehende von schwerem Schnee bedeckte Fichten. Die zusammen mehr als   4 Meter langen zwei Werke hängen nun im 4. Stock der Hochschule für Design&Kunst in der Viscosistadt.

 

Die Gemälde für die Kunsthochschule Luzern wirken imposant. Man fühlt sich ganz nah bei sich, wenn man neben den gemalten Fichten steht. In den kahlen, weissen Gängen der HSLU für Design&Kunst ist diese Erfahrung nicht alltäglich.

 

Wie wurdest du inspiriert einen Fichtenwald zu malen?

Eine Wanderung im letzten Dezember in der Stadt Airolo hat mich zu diesem Werk inspiriert. Der Tag war grau und grosse weisse Schneeflocken landeten auf den Ästen von Fichten. Dieser Anblick war wie aus einem Märchenbuch. Nun ich hatte den Wunsch, diesen Moment in einem Kunstwerk festzuhalten.

 

Welche Bedeutung haben die goldenen Linien in deinem Werk, die über die Fichten gleiten?

Die freien Formen der Natur werden immer wieder mit von Menschen gemachten Formen durchschnitten, geraden Linien, wie von Seilbahnen oder Stromdrähten eines Zuges. Dieses Phänomen möchte ich auch in meinen Werken zeigen.

 

Welche Emotionen möchtest du beim Betrachter auslösen?

Ich glaube, mein Ziel ist es, transzendentale Erfahrungen im Bewusstsein des Betrachters zu erzeugen, Trance in sich selbst zu fühlen und zu erleben. Seine eigenen Fähigkeiten, seine Substanz, seine eigenen Handlungen, seine Auswirkungen auf Mitmenschen und die Umwelt zu erkennen. Ich sage gerne: „Der suchende Geist eines Mannes strebt nach Freiheit und Glück.“

 

Die Einzelausstellung „Die Fichte“ von Kristaps Priede ist ab dem 7. Februar 2019 im 4. Stock der HSLU für Design&Kunst zu sehen.


Miriam Laura Leonardi

 

Im Rahmen des Anlasses „KUNST: SZENE ZÜRICH 2018 werden vom 30. November 2018 - 27. Januar 2019 Kunstkäufe der Stadt Zürich von 2011-2018 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Ausstellung gibt somit einen Überblick über die Entwicklung der Zürcher «Kunst: Szene» von 2011 bis in unsere Gegenwart.

 

Für die Ausstellung im Helmhaus, der städtischen Kulturinstitution für Gegenwartskunst wurden aus mehr als 250 erworbenen Kunstwerken „eher sperrige Werke, sowohl im räumlichen, wie im inhaltlichen Sinne ausgestellt“zudem werden aktuelle Themen, wie auch sozio- und transkulturelle, migrations- und geschlechterpolitische Fragestellungen thematisiert. Einer der Künstlerinnen, die im Helmhaus im Fokus steht, ist die Zürcher Medienkünstlerin Miriam Laura Leonardi mit ihrer Wandinstallation „i“ (2017). Leonardi setzt sich in ihrer künstlerischen Praxis mit feministischer Politik auseinander und kombiniert literarische und philosophische Texte. Ihre Kunstwerke sind als Assemblagen verschiedener Gedanken, wie auch verschiedener Autoren zu sehen. Sie setzt und übersetzt Werke aus vergangener Zeit in einen zeitgenössischen Kontext. So fördert sie eine Reflexion über die Bedeutung von Informationen zu verschiedenen Zeiten.

 

Ich strecke meine Hände in den Himmel und sehe sie mir an. Sie verraten was ich getan habe, verdecken was ich nicht sehen will, oder nicht gesehen werden soll. Das sind die Gedanken, die mir aufkommen, wenn ich die Wandinstallation „i“ der Künstlerin Miriam Laura Leonardi anschaue. Sie zeigt uns grüne Hände in einem Gebilde aus zwei Wolken. über jedem einzelnen Fingernagel schweben zwei übereinander platzierte braune Kreise, mit jeweils einem Buchstaben darauf. Es scheint so als seien die Plaketten einer Schreibmaschine an den Fingern hängen geblieben. Von der linken zur rechten Hand gelesen, ergeben die oberen Buchstaben den Satz: MY IDENTITY. Von der Seite kann aus den unteren Buchstaben das Wort IDENTITAET zusammengesetzt werden.

Ich frage mich, wessen Hände sind es, die die Wandinstallation „i“ zeigt, Wieso verfremdet Leonardi die Hände mit der grünen Farbe? und über was für eine Identität wird in diesem Werk gesprochen? Diesen Fragen möchte ich nachgehen. 

 

 

Während der Recherche stellt sich heraus, das es nicht nur Leonardis Gedanken und Ideen sind, die durch die Wandinstallation „i“ umgesetzt wurden. Miriam Laura Leonardi nahm eine Skizze der feministischen Künstlerin VALIE EXPORT als Basis für ihr Relief.

Bei der Skizze handelt es sich um die Skizze „Identität“, welche VALIE EXPORT 1973 als Entwurf für das nicht realisierte Monument „Ort des Menschen“ (1974) anfertigte. „Die Zeichnung stellt die an den Himmel genagelten Hände der Künstlerin dar und jeder Nagelkopf trägt einen Buchstaben ihrer «Identität». Das Werk erinnert sowohl an eine Kreuzigung als auch an mutwillige Selbstverstümmelung.

 

Ich wollte mehr über das Werk „i“ von Leonardi erfahren, also verabredete ich mich mit ihr zu einem Interview. Im kurz geführten Interview erklärte mir Miriam Laura Leonardi, dass sie es sich als Künstlerin zur Aufgabe gemacht habe, Werke von Künstlerinnen aus früherer Zeit, meist aus den 70er oder 80er Jahren in unsere Zeit zu „adaptieren“: „Ich transformiere Zeichnungen von Künstlerinnen (Lutz Bacher, Valie Export, Isa Genzken, Carol Rama) in Skulpturen, in einem zeitgenössischem Kontext; nicht Appropriation sondern Adaption.“4 Bei dieser Adaption wandelt Leonardi oftmals Zeichnungen in Skulpturen oder Installationen um. Die Zeichnung „Identität“ (1973) von VALIE EXPORT, war für Leonardi inspirierend, da für sie das Motiv der „angeschraubten Hände“ in den Wolken ein Widerspruch darstellt und mit Wiedersprüchen setzt sie sich sehr gerne auseinander. Weiter habe ich mir überlegt, was es für Leonardi bedeutet Werke in den zeitgenössischen Kontext zu transformieren, da erzählte mir die Künstlerin von ihren Assoziationen, wenn sie sich selbst ihr Werk „i“ anschaut. Für Leonardi ist das Motiv der Wolke, seit iCloud und all den anderen Cloud-Speichern, ein Symbol für den Speicherplatz. Alle Daten sammelt die heutige Gesellschaft in Clouds, so sind Informationen und Erinnerungen jederzeit greifbar. Dabei denke ich auch daran, dass wir heutzutage nie nur im hier und jetzt sind, sondern mit den Gedanken immer auch wo anders. So haben wir ständig ‚den Kopf in den Wolken‘. Auch ein Bezug zu einer Welt über uns, einer uns fremden Welt, der Welt der Aliens schafft Leonardi. Die grünen Hände ,die sie darstellt, hat die Künstlerin bewusst gewählt, um den Begriff der Alienation aufzugreifen: „Die Farbe grün habe ich gewählt aufgrund des vermehrt gebrauchten Ausdrucks "Alienation" im Zusammenhang mit dem Internet. Darum sind die Hände grün (als klassische Farbe für Aliens) mit den Wölbungen an den Fingerkuppen- und Gelenken.“ Der englische Ausdruck „Alienation“ bedeutet ins Deutsche übersetzt Entfremdung. Ende der 1840er Jahren war Karl Marx der Erste, der von „Entfremdung bei der Arbeit“ sprach. So wie die Entfremdung von ihm beschrieben wurde, ist dieses Phänomen bis heute relevant. Marx sah Arbeit als Mittel, um sich kreativ und zentral für die menschliche Natur auszudrücken (Fulcher & Scott, 2003). Vor der Industrialisierung war seiner Meinung nach die Arbeit kreativer und flexibler. Beispielsweise arbeiteten Handwerker in ihrem eigenen Tempo und kontrollierten, was sie machen und wie sie es machen. Die industrielle Revolution zwang dann jedoch die Menschen zu unerfüllten Fabrikjobs, die sie entfremdeten. Aufgrund des technologischen Fortschritts hatten Fabrikarbeiter plötzlich keine Kontrolle mehr über den Prozess, die Arbeitszeit oder das Endprodukt. Sie mussten sich wiederholende Routinen durchführen, um zu überleben. Als Konsequenz entfremdeten sich die Arbeitnehmer von den Arbeitgebern und von einander aufgrund der Klasseneinteilung und des Wettbewerbs, der die Zusammenarbeit ersetzte. Marx glaubte, die Arbeit sei "entmenschlicht" und bot keine Freude mehr an der Selbstverwirklichung. Ich frage mich, was ist eigentlich der Gegenbegriff zur Entfremdung? Meine These ist folgende: Der Gegenbegriff zur Entfremdung ist für mich die Freiheit. Aber nicht nur die Freiheit von etwas – von bestimmten Formen der Unterdrückung, von bestimmten Formen der Einflussnahme, sondern Freiheit im Sinne von zu etwas frei sein und sich verwirklichen können. Umgekehrt zeigt der Umstand der Entfremdung, vor allem im heutigen Zeitalter der neuen Technologien, dass wir uns durch die Nutzung der Technologien in unserer Beziehungen zu uns entfremden, wie auch zu dem, was wir tun, und zur Welt, die uns umgibt. Was wir doch eigentlich alle wollen, ist frei zu entscheiden. Dazu gehört auch die Frage, ob man sich mit dem, was man da tut, identifizieren kann. Ich bin interessiert an der Entfremdung als eine persönliche Erfahrung. Ich stelle daher folgende These auf: Entfremdung ist ein elementarer Bestandteil dessen, was wir selbst sind, was wir tun und als was wir uns selbst empfinden. Das ist ein weiterer zu berücksichtigender Aspekt der Auffassung von Freiheit als Gegenbegriff zur Entfremdung.
Die Künstlerin Miriam Laura Leonardi zeigt nun also mit ihrem Werk „i“ (2017) eine mögliche Umsetzung der Skizze „Identität“ der Künstlerin VALIE EXPORT. Auffällig ist dabei, das in der Interpretation von Leonardi, EXPORTS Werk jedoch seine ursprüngliche Gewaltsamkeit verliert. Dies gelingt einerseits wie oben erwähnt, durch die grünen, an Alien erinnernde Hände, die uns über den Begriff der „Alienation“, beziehungsweise der Entfremdung von uns als menschliches Wesen nachdenken lassen soll. Des Weiteren strahlt Leonardis Werk eine besonders auffallende Leichtigkeit aus. Dies gelingt durch das Material, welches sie für die Wandinstallation nutzte. Leonardi kombinierte Wandmalerei, Plexiglas und Kupfer und formte so ein schwerelos anmutendes Gebilde. Auch diese Tatsache zeigt, wie stark Leonadi die Betrachtungsweise und Deutung des von EXPORT vorgegebenen Motivs in ihrer Interpretation veränderte.

 

Als letzte Frage stellt sich die folgende: Ist es erlaubt, durch das Material die Deutung des Ursprünglichen Werkes „Identität“ der Künstlerin VALIE EXPORT zu verändern? Wäre die Künstlerin damit einverstanden? Wohl schon, denn auch EXPORT war sich bereits 1980 dem „Material-Drama“ bewusst; „Egal, ob Körper oder Dinge das Material waren, man sieht, das Material-Drama war eigentlich ein Bedeutungsdrama. Das Material als Bühne verschiedener Bedeutungen verarbeitete und integrierte nicht nur die Erlebnisse von Menschen, sondern aktivierte auch ihre Erlebnisfähigkeit, schärfte das Bewusstsein für die durch das Material entfalteten Bedeutungen.“ Und weiter: „Materialdenken als Befreiung der Frau vom Dingcharakter“.

 

Und schauen wir uns doch noch genauer die Wörter „Identität“ und „My Identity“ an ,welche Leonardi in ihrem Werk übereinander gelagert hat. Auf die Frage, wieso sie diese beiden Wörter bei ihrer Umsetzung von EXPORTS Zeichnung „Identität“ zeigt, erzählt mir Leonardi folgendes: „Ich habe ihre [EXPORTS] "Identität" verfremdet indem ich eine zweite Reihe Buchstaben mit der englischen Übersetzung voranstelle, MY IDENTITY, da es "meine" Übersetzung ihrer Arbeit in eine dreidimensionale Skulptur ist.“ 

 

Abschliessend lässt sich sagen, Leonardi nutzt in ihren Arbeiten ein bereits vorhandenes Motiv für die Visualisierung ihrer Gedankengänge, ihrer Fragen an sich selbst und an die Gesellschaft. Die Übersetzung der Skizze „Identität“ von Valie Export aus dem Jahre 1973 zeigt wie gut ihr das gelingt. Denn das von EXPORT geschaffene Motiv der Hand vor den Wolken und dem Wort Identity als Blickfang, hat Leonardi aufgegriffen und mit ihrer ganz eigenen Aussagekraft aufgeladen. Somit wird ersichtlich, dass hinter dem Werk „i“ (2017) von Miriam Laura Leonardi viel mehr steht, als das „Klauen“ einer Idee der Künstlerin VALIE EXPORT. Leonardi möchte den Betrachter dazu zu bringen, über die Frage der Identität im Zusammenhang mit der Entfremdung durch die heutigen Technologien nachzudenken und somit über das eigene Sein, Handeln und Denken.
 


Ein Blick auf die Werke eines Urban Sketchers

Urban Sketching findet auf der Strassenbank, im Café oder auf der Wiese statt; schlicht und einfach dort, wo das Treiben der Menschen beobachtbar und der Puls der Stadt zu spüren ist. Die entstandenen Skizzen erzählen die Geschichte unserer Umgebung, der Orte an denen wir leben oder zu denen wir reisen.

Der Zürcher Künstler Bernd Alder portraitiert durch seine Urban Sketching Werkgruppe «Whats App» eine Gesellschaft, welche die Stille des Parks sucht, um dem Alltag zu entfliehen. Dort sitzt man nichts sagend nebeneinander. Gelangweilt vom Gegenüber wird als Notanker das Handy aus der Tasche gezogen und nach einem neuen Gesprächspartner gesucht. Die Augen werden von der Umgebung ab- und zum Display hingewandt. Nach kurzer Zeit wird der Abwesende dem Anwesenden vorgezogen.

 

Ich amüsiere mich sehr beim Beobachten meiner selbst und der anderen, wie uns das Handy ermöglicht, sich einer langweiligen Gesellschaft zu entziehen, die gerade daneben sitzt. Bernd Alder

 

Er ist ein Künstler, der uns in ferne Städte entführt und unsere eigene Stadt durch seine Urban Sketches in einem neuen Licht erscheinen lässt. Man möchte auf leisen Sohlen in seine Bilder hineintreten, die Sonne spüren und den Wind hören, wie er mit den Ästen der Bäume spielt und die Boote auf dem Wasser tanzen lässt. Bernd Alder schafft durch die warmen, leuchtenden Farben, die er für seine Bilder nutzt, tiefe Bildräume, durch welche er uns seine Sicht auf die Dinge zeigt und sogleich tiefe Einblicke in verborgene Welten ermöglicht. Seine Farbwahl ist dabei intuitiv: «Ich spüre die Farben der Aura, welche die Personen und deren Umfeld umgibt».

Bernd Alder lässt Bilder entstehen, welche Dialoge und Sichtweisen unserer heutigen Zeit aufgreifen. Seine Bilder erzählen Geschichten und zeigen neue unbekannte Blickwinkel auf. Er selbst meint dazu: «Ich möchte in der Malerei ein Spiegel der Zeit und kein Nostalgiker sein».

 


Ein Bild sagt mehr als 1000 Schreie

Meine Hand drückt vorsichtig den kalten, eisernen Türgriff herunter. Die schwere Holztür der Kirche öffnet sich und mein Blick fällt auf eine junge Frau in einem weissen Hochzeitskleid. Vorsichtig hebt sie ihren schüchternen Blick. Mit ihrer rechten Hand hält sie einen kurzen Schleier aus ihrem Gesicht. Ich wünschte, ich könnte sehen, was für eine Szene sich vor ihr abspielt, doch ich kann es nicht. Denn was ich sehe, ist nur die Projektion einer Fotografie, die vor mir auf der Leinwand unterhalb der Orgel erscheint.

 

Ich verbrachte einen Abend mit einem israelischen Fotografen in Zug, wo er in der City Kirche seine Bilder zeigte. Abir Sultan arbeitet für die European Pressphoto Agency. Seine Bilder werden weltweit in renommierten Zeitungen und Zeitschriften wie die LA Times, New York Times, Le Monde und Stern publiziert. Sultan hat diesen besonderen Moment der jungen Frau mit seiner Kamera in Israel festgehalten.


Die Braut gehört einer jüdisch-orthodoxen Gemeinde an. Auf ihrer Hochzeits-Zeremonie wartet sie mit den Frauen, währenddem ihr Bräutigam zusammen mit den Männern zur Feier des Tages fröhlich tanzt. Denn den Männern ist es untersagt, die Braut während der Hochzeit anzufassen. Mit seinen Bildern ermöglicht Abir Sultan einen tiefen Einblick in die für uns meist verborgene Welt der jüdisch-orthodoxen Gemeinde in Israel.

 

Manchmal kann Abir Sultan der Ruhe in den Schweizer Städten gar nicht trauen. Er erzählt mir vom inneren Löwen, der in uns den Überlebensinstinkt sichere. Daher zucke er auch an so manchem Schweizer Bahnhof zusammen, wenn er einen Knall hört, denn dort, wo er als Fotograf arbeitet, kann ein nicht wahrgenommener Knall den nahen Tod bedeuten.

Auf seinen Bildern werden Menschen verhaftet, es wird geheiratet, demonstriert, tanzen Feuer und Rauch – geben sich Verzweiflung und Hoffnung die Hand. Es sei für ihn interessant, in einer Stadt wie Jerusalem zu arbeiten, wo praktisch Mauer an Mauer verschiedenste Religionsgruppen leben und die Situation dauernd zu eskalieren droht.

 

Der Übersetzer von Abir Sultan ist zugleich ein guter Freund des Fotografen. Er erzählt: «Wenn ich Abir anrufe, geht es oft nur wenige Minuten, bis er mir das Telefon wieder einhängen muss, da gerade wieder etwas Prekäres passiert ist.» Darauf antwortet Abir: «Ich bin 24 Stunden in Alarmbereitschaft.» «Wie reagieren die Menschen in Israel auf dich, wenn du in solch emotionsgeladenen Situationen die Kamera auf sie richtest?» – «Die Menschen fühlen dich, sehen dich. Um zu einem Motiv zu kommen, musst du sie für kurze Zeit ignorieren, damit sie dich anfangen zu ignorieren. So entstehen meine Bilder.» – «Was macht für dich ein gutes Motiv aus?» – «Da muss ein Gefühl in mir ausgelöst werden. Eine Situation muss mich in ihren Bann ziehen.»

 

Während dem Interview sehe ich an Abirs Finger einen Ehering. Da frage ich ihn, ob er denke, dass er durch seinen gefährlichen Beruf seine Frau häufiger anrufe. Abir schmunzelt und meint, er würde sich bei ihr nicht mehr melden als sonst. Seine Frau wisse grundsätzlich, wie er arbeite, dass er sich mit seiner Kamera nicht gerade ins Feuergefecht stelle. Doch sage er ihr nicht immer, in welcher Situation er sich gerade befinde. Dies würde sie nur beunruhigen. Wenn sie in den News von einer Demonstration oder einem Attentat höre, frage sie ihn jedoch manchmal am Abend etwas beunruhigt, ob er dort gewesen sei. Wenn ja, erzähle er ihr dann ein wenig von der Situation.

 

Nach dem Vortrag über seine Bilder in der City Kirche Zug stehe ich mit Abir Sultan – an eine Säule gelehnt – vor der Kirche. Der Rauch von Abir Sultans Zigarette steigt in den Nachthimmel und er erzählt mir, dass er gelernt habe, einen Schalter im Kopf umzulegen. Er fokussiere sich strikt auf sein Motiv, sonst könne man in so einem Umfeld seinen Job nicht machen. Über diesen Schalter im Kopf spricht er wohl des Öfteren, denn dieses Wort sagt mir der Englisch sprechende Abir auf Deutsch.


Ein Jahr für die Kunst

Noemi Hermann war ein Jahr lang in Deutschland. Nun kommt sie verändert zurück.

Der Zug ist abgefahren, hin und her Schweiz-Deutschland, Deutschland-Schweiz, fast ein Jahr lang, jedes zweite Wochenende. Damit ich meine frische Liebe in der Schweiz nicht aus den Augen verliere. Nun zieht zum letzen Mal Regensburg an mir vorbei, sehe ich zum letzen Mal den Bahnhof, den Park, die Strassen, die mich durch das fremde Regensburg führten und irgendwie auch zu einem mir noch fremden Ich.

 

Ich sehe schon das Schmunzeln der Leute, wenn ich ihnen davon erzähle, dass ich zurück in der Schweiz gerade einen Kulturschock erlebe, doch den «Eigenkulturschock» gibt es tatsächlich. Schon einige Kulturwissenschaftler haben sich mit diesem Phänomen auseinander gesetzt und ich komme nun scheinbar auch nicht drum herum.

 

«Meine Damen und Herren, willkommen in der Schweiz», spricht der Zugchef, kurz nachdem wir am Bodensee vorbei gefahren sind. Was ist das für ein Schmerz, der da plötzlich in mir aufsteigt, er scheint aus einer Mischung aus Erleichterung und Sehnsucht zu bestehen.

Erleichterung

Endlich zähle ich zum letzen Mal die sechs Stunden wie ein Countdown herab, bis der Zug im Zürcher Hauptbahnhof stehen bleibt. «Bitte alle aussteigen, dieser Zug endet hier.» Wie sich das anhört, wenn man weiss, dass auch für einem selbst etwas endet.

Wieder in der ziehenden Pendlerflut zu stehen, erleichtert mich irgendwie. Das Leben geht weiter, wie die Leute um mich herum. Ich freunde mich mit dem Gedanken an, einfach in der Stadt wieder weiter zu machen, wo ich die Koffer gepackt habe, um ins Ausland zu gehen. Doch ich merke, ich muss zuerst wieder «meine alte Stadt» kennen lernen. Denn ich merke, wie ich in meinen Gedanken aus Zürich eine «Heidistadt» gemacht habe. Wohl auch, weil ich im Ausland gelernt habe, so über diese Stadt zu denken. Da in meiner ausländischen «Heimat-auf-Zeit» die Menschen Zürich nur als Touristen kennengelernt haben und mit Geschichten zurück aus der Schweiz kamen, die nur wenig mit dem Leben eines «echten Zürchers», einer «echten Zürcherin» zu tun haben. Denn in Zürich findet der Alltag nicht nur um das rot-weiss karierte Tischtuch statt.

Bin ich jetzt wirklich wieder eine Zürcherin und in meinem alten Leben? Oder fehlt es mir vielleicht sogar, ganz alleine «die Schweizerin» zu sein und diesen Titel mit niemandem teilen zu müssen, mit diesem Attribut plötzlich in der Masse unterzugehen anstatt aufzufallen?

Sehnsucht

Damals vor knapp einem Jahr fing alles an mit der Frage: «Was wäre, wenn…?» – Was wäre wenn ich nicht an einer Pädagogischen Hochschule studieren würde, sondern an einer Universität? Wenn ich plötzlich alles auf die Kunst setzen würde? Wenn ich anstatt Lehramtsstudentin zur Kunststudentin werde, und dies in einem anderen Land? Deutschland?

Diese Überlegung gefiel mir und ich näherte mich diesem Gedanken immer mehr an, bis ich schliesslich meinen Koffer aus dem ICE hievte und mir ein Lächeln übers Gesicht huschte, als die DB-Mitarbeiterin: «Meine Damen und Herren, willkommen in Regensburg…» durch die Lautsprecher sprach.

Ja, es hat mich in die bayrische Stadt Regensburg gezogen, einer der deutschen Partnerhochschulen meiner PH in Zug. Hier hin, wo noch kein anderer Studierende meiner Hochschule war. Auch dieser Gedanke gefiel mir, denn ich wollte nicht wie alle nach Berlin. Ich schwimme irgendwie gerne gegen den Strom. Und wo geht das besser als in einer kleinen Stadt an der reissenden Donau?

Regensburg wurde schnell zu einer neuen Heimat für mich, es ist irgendwie wie ein grosses Zürcher «Niederdörfli», alles so klein und verwinkelt und hier und da hat sich jemand mit einem eigenen Geschäft seinen Traum verwirklicht. Viele Galerien und Handwerks-Ateliers gibt es hier, dies liess natürlich mein Künstlerherz höher schlagen. Rasch liebäugelte ich mit dem Gedanken, ein eigenes Atelier zu eröffnen, in dem ich meiner Acrylmalerei nachgehen konnte, was bis jetzt nebst der Lehrerinnenausbildung nur als ein Hobby Entfaltung fand.

Doch erstmal startete ich das Studium der Kunstvermittlung an der Universität Regensburg. Es gefiel mir ab der ersten Sekunde, als es hiess: «Kaufen Sie sich auf die nächste Stunde bitte einen Malkasten und Pinsel.» An der Pädagogischen Hochschule ist das Bildnerische Gestalten nur ein Fach nebst Deutsch, Mathe und weiteren Fächern. Doch in Regensburg kann ich mich nun innerhalb meines Auslandaufenthalts in der Fachrichtung Kunst vertiefen, denn mein Ziel ist es später einmal mich auf die Kunstvermittlung zu spezialisieren.

Ein Atelier fand ich schneller als gedacht, da ein deutscher Mitstudent gerade einen Nachmieter suchte. Schnell füllte ich es mit jungfräulich weissen Leinwänden, Farben und Pinseln und bald war fast jedes meiner Kleider irgendwo voller Kleckse, da ich in jeder freien Minute in die Welt der Farben eintauchte.

An der Universität besuchte ich Kurse in Kunstgeschichte, Design, Malerei, Philosophie und Pädagogik und ich merkte, wie durch das dazu gewonnene Wissen mein Kunststil mehr und mehr beeinflusst wurde und daher zu etwas ganz Eigenem, in sich Stimmigen heran reifte.

Doch nicht nur meine Pinselführung auch meine Denkweise hat sich durch die Zeit in Regensburg verändert. Ich habe gemerkt wie viele Wege einem offen stehen und was im Inneren seiner Selbst passiert, wenn man seinen ganz eigenen Weg geht. Nun bin ich also wieder in Zürich, schlendere an der Limmat vorbei und muss schmunzeln, da ich weiss, dass dies noch das alte Zürich ist, so wie ich es verlassen habe, ich jedoch nicht mehr die gleiche wie zuvor.


Wie wäre es mal etwas illegales zu machen?

Es zischt und es ist heiss, abwechselnd laufen mir mal Schweissperlen übers Gesicht, mal Farbe über die «Wall». Ich ziehe meine schwarzen Striche über den grünblauen Hintergrund, über das Graffiti von dem, der vor mir da war. Vielleicht ist es ein paar Stunden, Tage oder wenn er in der Szene angesehen ist, sogar schon Jahre hier. Seine Arbeit, sein Graffiti an dieser Wall. Nun stehe ich ich hier und schüttle zum ersten mal eine Spraydose oder, wie sie in der Szene genannt wird, eine «Can».

 

Ein unbekanntes Gefühl, das Werk eines anderes Künstlers zu überdecken. Wie Picasso, der manchmal Bilder von Modigliani übermalte. Doch ich bin kein Picasso, ich bin Anfängerin, «Ausprobiererin», wie ich mich selbst gerne nenne. Doch mein Kumpel, der selbst Graffiti-Künstler ist und hinter mir steht, spricht mir Mut zu und sagt: «Ey, jeder hat mal an einer Wall seine ersten Versuche gemacht und das deine Werke früher oder später übersprayt werden, gehört dazu, wenn man Street Artist ist.» – Er hat recht und ich höre auf mit meinen Fragen, die ich ihm eigentlich nur Stelle, um Zeit hinauszuzögern, bis sich langsam eine Figur aus den schwarzen Strichen ergibt. Eine Figur, die etwas unförmiger ist, als ich es von meinen Arbeit mit dem Pinsel kenne, doch vor mir fängt sie immer mehr an zu leben.

 

Ich mag es, wenn die Farbe von der «Wall» tropft, ich mag es, wenn der Zufall mit mir zusammen vor den Bildern steht. Es vergeht eine Stunde und eine zweite und es fängt eine dritte Stunde an und ich bewege mich immer noch vor und zurück, schaue mir die Linien, die ich ziehe von dem Gehsteg aus an. Von hier aus, wo die Fahrradfahrer meine Arbeit verfolgen, wo die Passagiere des Donau-Schiffs aussteigen und mancher den Kopf schüttelt und ich manchem die «Can» in die Hand drücke, mit den Worten: «Komm, neben mir hat es noch genug Platz, versuche es auch, vor ein paar Stunden hatte ich auch meine erste Linie hier auf der Wand gezogen. Ein Mädchen traut sich und sprayt ihren Namen mit weisser Farbe an die Wand. Ihre Striche wirken wie hingehaucht, sie drückt nicht fest drauf, wie ich, in den ersten Minuten mit meiner ersten «Can» in der Hand. Man hat Angst was falsch zu machen, denn das was man macht bleibt, hier neben dem Gehsteg, hier unter der Brücke, bis der nächste seine «Cans» anfängt zu schütteln.

Es ist eine fast meditative Arbeit, man merkt nicht, wie die Zeit vergeht. Man ist im eigenen Film, vergisst alles um sich herum. Hier darf ich sprayen, hier erlaubt es die Stadt, doch ich überlege mir, wie es wäre, wenn mir die Angst vor der Polizei im Nacken sitzen würde, stelle mir mich im schwarzen «Hoodie» mit Tuch vor dem Mund vor. Könnte ich das sein, eine Künstlerin, deren Kunst als illegal angesehen wird? Eine Künstlerin, die ihre Leinwände nicht im Laden kauft, sondern vielleicht bald die Wand des Ladens als Leinwand nutzt. Ich zerdrücke mit meinem Schuh die farbverklebten «Caps» meiner Dosen, die nun nur noch halb voll sind und um einiges leichter, wie auch mein Gewissen. Ich habe es geschafft, geschaffen, das was ich nun zusammen mit ein paar Fussgängern betrachte, mein erster Sketch an einer Wand, an einer Brückensäule neben der Donau. Dabei ist es nebensächlich, dass ich hier das erstes Mal gesprayt habe, es geht um das Statement, um den Moment wo du weisst, dass du, nennen wir es mal «Farbe geleckt» hast.


Verblendet von der Discokugel

Wenn man durch die Bässe der Clubs geweckt wird, das Gehirn langsam wieder aufwacht und die Probleme beginnen…

Er hat ihr nachgeschaut, aber eben nicht ihr, seiner Freundin, sondern der anderen, der vom Club, der er zugeprostet hat, der Blonden mit dem Longdrink in der Hand.

Jetzt stehen sie vor meinem Atelier, er und seine Freundin, und sprechen über die mit dem Longdrink. Ein Wortgefecht entsteht. Morgens um halb drei in der Altstadt, auf der anderen Seite des Clubs, wo sie die letzten paar Stunden zwischen den «Paarungswütigen» verbracht haben. Das ist meiner Meinung nach sowieso so eine Sache als Pärchen in den Club zu gehen, vor allem, wenn man die Single-Freunde des Freundes noch im Schlepptau hat.

Ist es nicht die wahre Liebe, fühlt sich der Freund oft mehr mit seinen trinkfreudigen Kumpels verbunden, als mit seiner Freundin. Da kommen alte Bilder hoch, wenn er die Ladys tanzen sieht und dabei sein Glas immer leerer und sein Kopf immer voller wird. Aber nun stehen sie ja draussen vor meinem Atelier und ich liege drinnen auf meiner Matratze, müde vom Malen, müde vom Wein.

«Du hast ihr zugeprostet! Ich habe es doch gesehen!» Dies ist das Argument, dass sie ihm nun gefühlt eine Stunde lang an den Kopf wirft, währendem ich mittlerweile meinen Kopf vom Kissen gehoben habe und meine Ohren auf Empfang stehen. Was passiert nun mit der Liebe zwischen den beiden? Ist sie überhabt da, war sie jemals da oder bloss Worte in den Liedern, die sie sich anhörte, während sie an ihn dachte?

Was kann man eigentlich Beziehung nennen? Sind das zwei, die gleichzeitig Lust haben auf Sex und beim Mac das Gleiche bestellen? Zwei, die sich die Kippe teilen und sich die Hand geben, wenn sie zusammen über die rote Ampel rennen? Irgendwie schon, aber das ist doch noch lange nicht alles.

Ich habe sie nun auch kennengelernt, die Liebe, die wahre Liebe, und mit ihr mein zweites Ich. Und ich merke, da geht es doch um viel mehr als gemeinsame Gelüste, es geht darum sich sicherer zu werden, wer man ist, war und sein kann. Darum das Lachen des anderen nicht für sich reservieren zu wollen, aus Angst es bald selbst nicht mehr sehen zu können. Vertrauen ist das Stichwort, ja, das Wort das manchmal sticht, mitten ins Herz, wie der Lisa vor meinem Atelier, die gerade daran zweifelt, ob sie es gegenüber ihrem Simon noch kann.

Aber um was für ein Können geht es da eigentlich, ich frage mich mehr, ob sie jemals lieben konnte, mal gefühlt hat, was Liebe bedeutet. Oder ob sie es als Liebe auf den ersten Blick gedeutet hat, damals als der Simon sie vielleicht sogar in diesem Club mit betrunkenen Augen angeschaut hatte und sein Blick immer tiefer ging. Doch was hat er dann in Gedanken berührt, wohl die tieferen Ebenen ihres Beckens. Ausführen muss ich das wohl nicht, dieses Kopfkino kennt jeder, doch um ihre Seele ging es hier sicherlich nicht.

Doch der Seelenfrieden, der Seelenverwandte, ist es doch, was wir wie wildgewordene Wühlmäuse suchen, wenn wir uns am Ende der Woche durch den viel zu vollen Club drängen. Antrainiert ist das «Partypeople-Lächeln» der «Schulter-und Drinks-schüttelnden Menschen» um uns herum. Ein beinahe unheimliches «Wir sind doch alle gleich und wollen das Gleiche»-Gefühl steigt im Club auf, gemischt mit den Moschusdüften der Männer und dem Veilchenduft der Frauen.

Diese Duftsymbiose rieche ich nun gerade auch, denn ich konnte nun nicht mehr schlafen, in meinem Gehirn rattert es nun wieder. Ich musste raus in den Club, streifte mir ein schwarzes «Röckchen» über, als Simon und Lisa plötzlich weg vom Fenster waren und ich gierig nach mehr Geschichten.

Wenn ich im schwitzenden Menschenmeer, alle zehn Minuten mal wieder eine etwas leerere Ecke im Club finde und zugleich einen klaren Gedanken, denke ich mir: Ja, ihr seid doch alle gleich, gleich verblendet, doch nicht von der Discokugel, sondern von den Augen deren um euch herum.

Unser Denken und Handeln sind geprägt durch Erfahrungen, die wir in unserem kulturellen Umfeld erleben. Diesen Satz haben wir in so manchem Lehrbuch mit dem Leuchtstift markiert, weil er uns wichtig erschien, doch nun nicht mehr ist.

Wenn man diesen Begriff googelt, findet man Leitmotive von Firmen, die sich etwa so anhören: «Unser Denken und Handeln ist geprägt von Ver­ant­wort­ungs­bewusstsein, Ehrlich­keit und Respekt.» Doch wo sind die Menschen, Mitstudenten, Mitarbeiter, Liebenden, die nach diesen Werten leben?

Ich wache aus meiner philosophischen Gedankenwelt wieder auf, als mir ein Typ auf den Fuss steht und ich eine kalte Bierflasche an meiner Schulter spüre. Ach, hier wird es mir zu eng. Ich drücke mich durch die Massen und suchte den Ausgang. Nun stehe ich in der kalten Nacht, der dumpfe Bass schallt durch die Gassen und ich finde mich zwischen den Rauchern wieder. Ein Sido-Verschnitt spricht mich an, streckt sein Gesicht gegen meines. Seine Schnapsfahne lässt mich meine Nase rümpfen und er meint: «Wieso sind hier alle so scheisse betrunken?»

Ich kann ihm diese Frage nicht beantworten, das muss wohl hier jeder für sich selbst tun. Ich vergrabe meine Hände in die Hosentaschen, ahme das Hinauspusten einer Rauchwolke nach, bleibe mit meinem Blick in den Sternen hängen und frage mich, ob die Mäntel der andern weiterhin gegen Ende der Woche in den Garderoben der Clubs hängen, oder ob sie hängen geblieben sind.


Ein Hoch auf leere Bierkästen!

Besser als der Schweizer Mundart-Sänger Gölä kann ich es fast nicht beschreiben. Nur den letzten Satz müsste ich nochmals überarbeiten, aber ich lasse ihn mal so stehen, um in Gedanken das Gefühl der Freiheit noch etwas zu zelebrieren. Ende März habe ich meine sieben Sachen geplackt und bin ins Auslandssemester ins bayrische Regensburg aufgebrochen.

Bodybuilder und Landliebe

Viel konnte ich wirklich nicht mitnehmen, nur das Nötigste, denn 23 Kilo sind schneller erreicht als geglaubt und Gewichte stemmen ist nicht gerade mein Hobby. In meinem Zimmer in Regensburg erwarten mich jedoch einige Hanteln, denn mein Zimmervermieter ist Bodybuilder. Ich habe ihn via Facebook in einer «Zimmersuche in Regensburg- Gruppe» kennengelernt. Er war mir von Anfang an sehr sympathisch, obwohl seine Fotos mich zuerst etwas abgeschreckt haben. Aber man kennt es ja – harte Schale, weicher Kern – was auch auf ihn zutrifft. Er lebt als Wohngemeinschaft zusammen mit drei Männern und einer Frau in einer Doppelhaushälfte, umringt von Feldern, Wiesen und Wäldern, Stadtleben mit Landliebe-Idylle. So gefällt’s mir, da braucht’s nur noch ein bayrisches Dirndl. Nun ist er für ein Praktikum nach München und ich passe solange auf eine Hanteln auf.

Bierkasten-Möbel

Die WG-Jungs sind so richtig bayrisch, überall stehen Bierkästen herum und das Wohnzimmer sieht mit Dartscheibe an der Wand und Tischkicker neben dem Sofa eher aus wie ein Jugendtreff. Oder halt eben wie eine Junggsellen-Bude. Was ich vor dem Einzug nicht wusste war, dass ich ausser einem Bett und einem kleinen Sofa und natürlich den Handeln, nichts in meinem Zimmer habe. Inspiriert durch meine trinkfreudigen Mitbewohner, richte ich mein Zimmer nun mit leeren Bierkästen ein, was erstaunlich gut aussieht und mit 1.50 Euro pro Kasten günstiger nicht geht. Ich habe nun einen Nachtisch, einen Couchtisch und einen Schreibtisch in Bearbeitung – die Handwerkerin in mir freut sich. Für den Schreibtisch habe ich mir im Baumarkt noch ’ne dünne Holzplatte gekauft, allerdings hat er bis jetzt erst die Höhe von zwei Bierkisten. Also musste ich noch zweimal im Supermarkt an einer Kassiererin vorbei, die ihre Gesichtsmuskulatur zu einem «Hää-Ausdruck» verzieht, wenn ich nebst Brot, Gemüse, Nudeln und Käse einen leeren Kastenbier aufs Rollband lege.

«Bist de nen Studi, fährst de umsonst!»

An der Uni ist es wie bei der Post: Immer wenn man was will, muss man an einem Ticketautomaten eine Liste von Knöpfen durchgehen und daneben nach dem richtigen Wort suchen. Dann kommt ein Zettel mit einer dreistelligen Zahl heraus, die meist so hoch ist, dass nicht abzuschätzen ist, ob man eine Stunde oder eine Woche vor dem Sekretariat warten muss. Am besten nimmt man sich ein Buch oder in meinem Fall einen Skizzenblock mit, um die Wartezeit zu überbrücken. Oder man liest sich jeden Flyer durch, der an der Wand hängt, dann ist man auch für eine Weile beschäftigt. Doch das Warten lohnt sich – vor allem, wenn man danach mit dem frisch ausgestellten Studentenausweis in der Hand in den frühen Abendstunden endlich auf den Bus rennen kann und im Geldbeutel nicht die letzen Cents für ein Ticket zusammenkratzen muss, denn: «Bist de nen Studi, fährst de umsonst!» – Servus, tschüss!

In meiner Kolumne «Die Schweizerin und die Lederhosen» werde ich in den nächsten Monaten immer wieder über meine bayrischen «WG-Bubn» und das Leben mit und ohne Dirndl berichten.


Ein Leben vor dem Sonnenuntergang

Er berührt mich, ist das Erste was mir durch den Kopf geht, wenn ich über den Musiker Brendan Adams nachdenke. Wenn Brendan die Saiten seiner Gitarre zupft, bringt er gerade zu unsere Gedanken zum Fliegen. Er berührt die sanften Seiten auch im übertragenen Sinne. Brendan schlendert durch seine Musik Seite an Seite mit seinen Hörern durch die atemberaubende Landschaft seiner Heimatstadt Cape Town im Süden Afrikas. Eine Stadt, die viele Gesichter hat, urban und doch naturnah. Gemeinsam läuft man immer der Sonne entlang, bis sie friedlich hinter dem Horizont verschwindet und seine Gitarrenklänge wie vom Winde verweht werden. So stell‘ ich mir das Bild vor, wenn Brendan in seinem Song Sometimes «stillness is not too far away» singt.

 

Brendan Adams holt seine Inspiration für die Songs aus der Tiefe seiner Seele, daher ist es nicht verwunderlich, dass er eine starke Verbundenheit zu seiner Heimat hat und daher immer wieder an seine Wurzeln denkt. Man stellt sich vor Brendan Adams schreibt seine Songtexte bei Sonnenuntergang auf einem Steg sitzend, die Füsse ins Wasser hängend. Es ist eine von Herzen kommende Musik voller Leben, das ist wohl der Grund, wieso seine Songs zu berühren vermögen. Brendem hat den Spirit eines Weltenbummlers, den Koffer den er immer dabei hat, ist sein Gitarrenkoffer. Wenn er ihn öffnet, so ermöglicht er uns einen Einblick in seine Welt, seine Gedanken und seine Liebe. Aus seiner Gitarre holt er dazu die feinsten Klänge heraus, sie scheint das Sprachrohr seines Herzens zu sein und unterstreicht seine ausdrucksstarke Stimme. Sein neues Album trägt wohl ganz bewusst den Namen Spirit, was soviel heisst wie Seele, Stimmung, Temperament, das ist was Brendan Adams uns durch seine Songs zeigt.